Mayavatnet (Norwegen)

Gleich zu Anfang Natur pur

 

Direkt am See, nach ruhiger Nacht

Grandios, herrlich, überwältigend, Natur pur.

Nichts anderes fällt mir ein, wenn ich an die vergangenen Tage zurückdenke, die mich nach einer langen, ja langweiligen Anfahrt über deutsche und dänische Autobahnen bis kurz vor den nördlichen Polarkreis gebracht haben.

Nun sitze ich am Ufer des idyllischen Majavatnet-Sees, genieße die Aussicht über die stillen Wasser, den tiefgrünen Wald an seinen Ufern und auf schneebedeckte Hügel dahinter. Die sind gar nicht so hoch, ca. 1100 m sagt die Karte, aber auf fast 70 Grad nördlicher Breite ist es kein Wunder, wenn der Schnee auch Mitte Juni noch bis ins Tal liegt. So genieße ich die herrliche Natur, die Stille, nachdem die letzten Wohnmobilisten den Camping verlassen haben. Nur hinter mir dröhnt ab und an ein LKW oder eine WoMo über die belebte E6 von Trondheim zum Nordkapp. Im Grunde herrscht aber recht wenig Verkehr. Das meiste, was ich sehe sind WoMos, auf dem Weg von oder zum Nordkapp. Das soll in den nächsten Tagen auch mein Ziel sein, aber lasst mich am Anfang beginnen.

Pünktlich am 06.06.1996 breche ich von Gilching, einem kleinen Vorort von München auf, nachdem ich tags zuvor noch meinen Schreibtisch in der Firma abgeräumt und mich von Allen verabschiedet habe. Mit Sekt versteht sich, wie das nach sechs Jahren in einer Firma sein sollte. Die meisten der Kollegen beneideten mich sichtlich, aber viele schüttelten auch verständnislos den Kopf. Wie kann man einfach zwei Jahre lang den Berufsleben den Rücken kehren? Von wegen: einfach. Schließlich hatte ich zehn Jahre auf diese Reise hingearbeitet und jeden Heller gespart, um mir diese Freiheit leisten zu können. Und nun ging es tatsächlich los!

Noch eine letzte Nacht im heimischen, vertrauten Bett, die wider Erwarten ruhig verläuft. Tief im Innern bin ich die Ruhe selbst, keine Aufregung macht sich breit, wie sonst üblich. Nicht mal mein Magen rebelliert wie bisher vor jeder größeren Tour. In Gedanken bin ich irgendwo ganz anders als auf der Reise. Kein Reisefieber, kein Fernweh. Der richtige Kick will einfach nicht kommen.

Das wird sich hoffentlich schnell ändern!

Nun, erst einmal geht’s in glühendem Sonnenschein nach Nürnberg, wo sich heute zum Feiertag alle Nürnberger (offensichtlich ausschließlich Türken) am Dutzendteich treffen, um zu grillen und Allah einen guten Mann sein zu lassen. Nahe dem alten Nazigelände finde ich noch einen ruhigen Nachtplatz und verbringe meine erste Nacht „auf Tour“. Irgend wie ein komisches Gefühl, zwei Jahre ohne Verpflichtungen vor sich zu sehen. zwei Jahre auf drei Kontinenten dieser Erde. Zwei Jahre Abenteuer und Herausforderungen der anderen Art.

Kaum pelle ich mich morgens aus dem Schlafsack, fühle ich mich plötzlich wie zu Hause. Ein Gefühl, das mich die letzten Monate im heimischen Gilching nie recht überkam. „Zu Hause ist man da, wo man sich wohl fühlt“ hatte mir eine Freundin mal erklärt. Wenn das mal kein gutes Vorzeichen ist!

Nach dampfendem Tee und frischen knusprigen Semmeln bummle ich Freitags in die Stadt umher, sehe mir die alte Burg, die Foltergeräte im Lochgefängnis und den farbenfrohen Blumenmarkt an, um auf dem Heimweg noch ein paar warme Shirts für den kühlen Norden zu erstehen.

Auf ein paar unbeabsichtigten Umwegen geht’s am Nachmittag noch hinauf nach Kulmbach, wo mich Ellen, eine gute Freundin, die ich auf einer früheren Tour durch Afrika schätzen gelernt hatte, schon sehnsüchtig erwartet. Um mit ihr zwei quengelnde Kinder, die mir die nächsten Tage fast den letzten Nerv rauben. Ellen und Hans kann ich ob ihrer Geduld mit den beiden nur bewundern. Wir tratschen über Gott und die Welt, von den letzten gemeinsamen Abenteuern und den bevorstehenden, die ich wohl oder übel allein bewältigen muss.

Am Abend ist Tom, noch ein guter Freund aus Afrika-Tagen, zu Besuch (mit einer bildhübschen Freundin Miriam – wo er die nur immer auftut?), wir philosophieren ein wenig und trotten am Samstag gemeinsam auf die sehenswerte Plassenburg hinauf. Doch irgendwie will sich der vertraute Draht, der mich damals in Zaire und Kenia mit Ellen verband, nicht wieder einstellen. Ob es an den beiden Kleinen liegt, die so gar keine Ruhe geben wollen? Nachdem auch ein Kletterausflug ins Wasser gefallen ist, mache ich mich schließlich Sonntagmittag noch auf den Weg gen Norden. Sogar den ganzen langen Weg bis nach Hamburg, immerhin knapp 600 Kilometer schaffe ich noch am gleichen Nachmittag. Nahe der Reeperbahn finde ich einen ruhigen und hoffentlich sicheren Nachtplatz (direkt neben dem Bismarck-Denkmal an der Jugendherberge) und stromere kurz vor Mitternacht durch das „sündige Viertel“. Ein paar kurzberockte oder -behoste Frauen machen mich an, doch heute Abend ist mir nicht danach … Nur eine gertenschlanke Frau – ganz in schwarz – lässt mich kurz überlegen, wie’s denn wäre. Trotz des viel versprechenden Abfahrtstermins lehne ich standhaft ab.

Hafenrundfahrt und der Einkauf letzter frischer Sachen (Obst und Wurst) stehen am nächsten Tag auf dem Programm, ehe es weitergeht gen Norden. Über eine endlose, öde Autobahn durch endloses, ödes Weideland, wo sogar die Kühe vor Langeweile nur herumliegen. Wieder sind über 500 Kilometer geschafft und gegen 10 Uhr abends rolle ich bei immer noch hellem Tageslicht an der Fährstation in Hirtshals ein.

Vielleicht klappt das ja heute noch mit der Fähre? Respektive morgen früh, denn Abfahrtstermin ist 00:45 Uhr. Leider kann ich für den Sandfloh nur noch Platz 2 auf der Warteliste ergattern, hinter einem ewig langen LKW. Doch im Grunde habe ich es ja auch nicht eilig.

Interessiert und inzwischen doch etwas aufgeregt sehe ich zu wie zwei Dutzend PKW und zahllose Lkws in dem dicken Bach der „Stavanger“ verschwinden. Für den Sandfloh reicht der Platz an Bord dann doch nicht mehr, hundemüde und doch etwas enttäuscht stelle ich mich auf den nahen LKW-Parkplatz, ziehe die Gardinen zu und falle in tiefen Schlaf. Bis mich um fünf Uhr früh die schweren Motoren der LKWs, die von der Fähre rollen abrupt aus dem Schlaf reißen. Völlig schlaftrunken rolle ich durch Hirtshals – zwanzig Häuser und ein Leuchtturm – finde einen ruhigen Platz inmitten der Dünen und hole den restlichen Schlaf nach. Nachmittags dann Bummel durch die alten Betonbunker von Hirtshals, das hier, an der engsten Stelle des Skagerak, einen strategisch wichtigen Platz inne hatte und entsprechend mit Festungsanlagen gespickt ist.

Da ich einen festen Fährplatz erst für morgen in Aussicht habe, nutze ich die Zeit und bereite mich auf Norwegen vor, von dem ich bisher nur weiß, dass es irgendwo im Norden liegt. Also ab zum Campingplatz, wo ich mich ungestraft ausbreiten kann und bei einer Tasse dampfendem Tee – oder besser einer ganzen Kanne voll – Reiseführer und Landkarte studiere. Doch dass Norwegen soooo faszinierend ist, steht weder da noch dort. Warum hat mir das früher niemand erzählt?

Angefangen hat’s schon auf der Fähre, als wir nach einer überaus rauen und ruppigen Überfahrt bei Windstärke 10 in die ruhigeren Wasser vor Kristiansund mit seinen herrlichen Schären und Inselchen einlaufen. Noch dazu fahrplanmäßig. Trotz des widrigen Sturms. Zwei Stangen Zigaretten und die große Flasche Pina Colada, die ich im Dutyfreeshop erstanden habe, schmuggle ich genauso wie die vielen Hundert Konservendosen und Fressalien, die ich hinten im Kofferraum des Sandfloh gestapelt habe. Doch der Zöllner ist freundlich und fragt mich nur neugierig nach dem Reiseziel. Na ja, Russland, China und Indien, erzähle ich ihm. 2 Jahre auf Achse. Man muss diesen Jungs was plausibles auftischen, sonst werden sie misstrauisch!

Kaum bin ich aus Kristiansund draußen, empfängt mich auch schon diese überwältigende Natur. Völlig überraschend, dass es sooo schön ist. Nach 10 Kilometern glaube ich, den herrlichsten Nachtplatz seit Jahren gefunden zu haben, stelle mich auf den Parkplatz am Rande eines kleinen Sees und genieße trotz des rege fließenden Verkehrs die Idylle: tiefblauer See, dunkelgrüne Tannenwald außen herum, dazu herrlicher Sonnenschein, obwohl es schon 10 Uhr abends ist.

Auch am nächsten Tag kann ich mich nicht satt sehen an dieser beeindruckenden Natur hier heroben. Wie betrunken bin ich von den Farben, die im kräftigen Sonnenlicht noch strahlender leuchten. Alle paar Kilometer halte ich an, fotografiere ein halbes Dutzend Filme voll und kann es kaum glauben, dass es so eine herrliche Natur noch gibt. Von Nordland, von Öde oder Schnee natürlich weit und breit nichts zu sehen. Stattdessen ein tiefblauer See am anderen, tiefgrüne Tannen- und Birkenwälder, dazwischen Moore und Sümpfe, bestanden mit hellgrünem Sumpfgras, gelben und weißen Sumpfdotterblumen. Und hie und da, offenbar wo es am schönsten ist, eine Hütte, ein Bootshaus (Robuer) oder sogar ein größeres Wohnhaus. Die Norweger wissen schon, wo es am schönsten ist und wie man gut leben kann.

Auf gut ausgebauten und gut zu fahrenden Straße rolle ich durch diese Traumlandschaft, kann gar nicht so langsam fahren, um genug Zeit zu haben, diese herrlichen Eindrücke in mich aufzusaugen. Durch die Landschaften des Aust-Agder und der Telemark rolle ich Richtung Norden, dann wieder nach Westen im ziemlichen Zickzack durch den Süden des Landes.

Je mehr ich mich allerdings dem Gebirge, der Hardanger Vidda und später dem Jotunheimen nähere, desto schlechter wird das Wetter. Während mich die ersten zwei Tage herrlicher Sonnenschein begleitet, pfeift mir bald ein kalter Wind um die Ohren, so daß ich nach jeder kleinen Exkursion froh bin, wieder in den warmen und winddichten Floh zu kriechen. Und schon bei der Besichtigung von Bergen am Samstag zeigt der Himmel nur noch ein trübes Grau, das nichts Gutes verspricht. Doch wenigstens regnet es nicht, als ich mir die Stadt mit den meisten Niederschlägen Europas ansehe.

Recht nett am Westabhang einer Halbinsel gelegen, findet man in Bergen Häuser in jeder Farbe des Regenbogens. Dazwischen eine alte Kirche (aus Stein), den Hafen mit seinen großen und kleinen Booten, zahllose Kaffees und daneben die bekannte Speicherstadt, die man auf jeder Postkarte von Bergen bewundern kann. Der Fischmarkt der Stadt ist leider schon vorbei, die Verkäufer räumen gerade ihre letzten Buden weg und der städtische Reinigungsdienst wäscht die Überreste der Fische und Krabben mitsamt dem durchdringenden Fischgeruch ins Hafenbecken. Alles in allem eine nette, wenn auch keine berauschende Stadt.

Noch am frühen Abend rolle ich wieder landeinwärts, durch das Hordaland und die Gegend „Sogn og Fjordane“. Oben am Pass in 1100 m Höhe finde ich noch einen netten Platz, obwohl das Wetter gar nicht überzeugend aussieht. Die Wolken hängen tief und in der Nacht regnet es dann prompt, kein gutes Zeichen für die bevorstehende Rucksacktour zum höchsten Berg des Landes, dem Galdhopiggen (2469 m). Vorher brauche ich noch eine kurze Fähre, die mich über den Sognefjord schippert (von Vangsnes nach Hella), ehe es in zahllosen Serpentinen wieder einmal hinauf geht. Kein Wunder bei dem steten Wechsel zwischen Meereshöhe und Gebirgspass. Schon beim Anstieg auf 1000 m ü.N.N. ist der Nebel so dicht, dass man die nächste Kurve kaum sieht und oben an der Passhöhe auf 1434 m nieselt es unablässig, so daß ich schon von einem kurzen Ausflug pitschnass heimkomme. Kein passendes Wetter für eine Besteigung eines Zweieinhalbtausenders. Leider ist auch keine Wetterbesserung in Sicht, so daß Warten nicht lohnt.

Schweren Herzens also wieder hinunter, ins Ottadalen, vorbei an einem herrlich gelegenen und gut unterhaltenen Campingplatz am Danfossen (leider mit 100 NKR = 25 DM pro Nacht zu teuer für meinen schmalen Geldbeutel). und hinauf nach Grotli, wo es auch einen netten, noch dazu kostenlosen Parkplatz inmitten der herrlichen Wildnis gibt.

Gleich am frühen Morgen wartet der Geiranger Fjord (herrlicher Ausblick von der Passstraße hinunter auf den Fjord) und eine kurze Fähre über den Nordalsfjord auf mich. Die viel gepriesene Schlucht des Trollstiegveien und weite Abschnitte des haarnadelkurven-gespickten Trollstiegs versinken in dichtem Nebel und bevor ich mich recht versehe, bin ich wieder unten am nächsten Fjord, am Romdalsfjord.

Nun liegt das Gebirge hinter mir und ich kreuze zwischen den Fjorden herum. An dem steten Auf und Ab ändert es trotzdem nichts, nur die Pässe dazwischen sind nicht mehr ganz so hoch, dafür aber auch nicht mehr ganz so eindrucksvoll. Die Gegend wird hügeliger und für lange Strecken führt die Straße an einem Fjord entlang. Mal liegt das Wasser links der Straße, mal rechts davon. Als ich dann auf dem Weg nach Trondheim noch die etwas kürzere Strecke über die N71 wähle, tue ich mir – und dem Floh – keine großen Gefallen. Holprig und schlecht ausgebaut führt sie durch endlose Fichten und Birkenwälder. Zwischendrin noch zwei Baustellen, an denen ich kräftig durchgeschüttelt werde. Dennoch erreiche ich wohlbehalten Trondheim, eine Stadt, durch die man durchmuss, die aber trotz ihres Forts und ihrer Kirche recht unsehenswert ist. Schuld daran ist die vorherrschende Industrie, ein Nachteil, den sich die Gegend 100 km südlich und östlich mit der Stadt selbst teilen. Also nichts wie weiter, diesmal auf der E6, einer gut ausgebauten, teilweise autobahnähnlichen – und damit gebührenpflichtigen – Straße, die uns von nun an immer näher zum Polarkreis bringt. Doch vorher ist Rast an diversen Sehenswürdigkeiten, an Wasserfällen und Informationstafeln, an Höhlen und stillen Seen angesagt.

Und Tagebuch schreiben, was ich hiermit getan habe.

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