Puumala (Finnland)

Wenig Abenteuer für recht viel Geld

Puumala am Saimaa Järvi ( Finnland), direkt am See, dem größten See Finnlands.
Das Schreiben der Fantasystory über Cindys Abenteuer hielt mich dann auch den ganzen Tag
gefesselt, oben in Ruuna, dem nettesten Platz, den ich in Finnland gefunden habe – trotz des
wenigen Wildwassers und des vielen Wassers von oben (Regen, Regen, Regen). Sogar aus dem
Russisch lernen wurde noch etwas, doch ohne praktische Übung bleibt einfach nicht allzu viel
hängen. Kyrillische Buchstaben hin oder her. Mit fremden Sprachen stehe ich ja schon seit den
frühen Schulzeiten auf Kriegsfuß.
Von Süden her ist Wetterbesserung angesagt, so rolle ich tags darauf weiter, in der Hoffnung, dort
unten doch wieder ein paar Strahlen Sonne zu finden. Durch Hunderte Kilometer lange Wälder, die
der umfangreichen und allgegenwärtigen Holzindustrie ihren Rohstoff liefern, rolle ich in Richtung
Sonne, die sich aber noch hartnäckig hinter dicken Regenwolken verborgen hält.
Interessant an der Waldnutzung hier oben erscheint, dass beim Abholzen nicht riesige Waldstriche
auf einmal abgeholzt werden, sondern immer nur kleinere Parzellen von schätzungsweise
fünfhundert mal fünfhundert Meter. Ringsherum bleibt alles stehen und bietet den Jungpflanzen,
die gleich nach der Abholzung gesetzt werden, idealen Schutz vor Stürmen. Interessanterweise finde
ich in diesen Wäldern auch nur ganz wenig Gestrüpp/Gesträuch. Himmelhohe Bäume ragen aus
einer Erde, die meist nur mit Moosen und Farnen bedeckt ist, die kaum 5 cm hoch sind. Und die
Stämme sind alle kerzengerade, der ideale maschinell zu verarbeitende Baum. Oft kommen mir
Holzlaster entgegen, nicht die Langholztransporter wie bei uns mit 30 m-Stämmen, sondern mit
schon fertig konfektionierten, abgelängten Stämmen, sodass auf ein Gespann drei Längen
draufpassen: das müssten jeweils so um die 10 Meter sein.

Auf die berühmten Holzflöße stoße ich nur einmal, am Pyhäjärvi, aber da sind sie noch nicht
zusammengekoppelt und dümpeln nur lose im Wasser.
Inzwischen quillt meine Kiste mit schmutziger Wäsche über, ich finde kaum noch etwas zum
Anziehen, das Klo ist voll und die Wassertanks leer. Also werde ich ausnahmsweise ‘mal eine Nacht
auf einen Campingplatz gehen. Savonlinna bietet sich an, mit drei Sternen nicht die allerteuerste
Kategorie, aber mit Waschmaschine und Trockenraum ausgestattet. Am Sonntag (7.7.96) rolle ich
schon beizeiten dort ein, und stürze mich gleich noch übers Großreinemachen: Wäsche in die
Maschine und 10 FMK’s dazu, in der Zwischenzeit Abwassertank leeren und Frischwasser bunkern,
Wäsche aus der Maschine holen und im Trockenraum nebenan aufhängen, Rasieren und gründlich
Duschen, abschließend gutes Abendessen kochen, nachdem das Camp-Restaurant heute nur
Hamburger anbieten kann.

Beim abendlichen Camp-Rundgang entdecke ich noch einen viel schöneren Platz als der, auf dem ich
jetzt stehe, die Gebühren sind mit 35 FMK (11 DM) akzeptabel, also beschließe ich kurzerhand, doch
noch zwei Tage länger zu bleiben, um noch ein paar ausstehende Arbeiten (Ölwechsel,
Vorgelegekontrolle, Einkaufen, 2 Filme entwickeln) zu erledigen und Savonlinna etwas näher
kennen zu lernen.

Mit knapp 30 000 Einwohnern ist Savonlinna eine fast schon große Kleinstadt, wie üblich in den
malerischen Buchten eines Sees gelegen (diesmal der Haukivesi). Die Häuser sind meist aus Holz
gebaut, überragt von einer netten Kirche. Doch beherrschend in der Stadt ist die Burg Olavinlinna
(Burg des Olav), die malerisch auf einer der kleinen vorgelagerten Inseln liegt und nur über eine
Schwimmbrücke erreicht werden kann. Der Rundgang durch die alten Mauern und Säle dauert
eineinhalb Stunden. Kristina, unsere Führerin gibt der kleinen Gruppe einen guten Einblick in das
damalige Leben auf der Burg. 1475 von Ritter Olav erbaut, sollte die Burg zunächst die Grenze
gegen Russland sichern, wurde aber bald von den Russen erobert und ihrerseits weiter ausgebaut.
Später wurde sie dann arg zerstört, und erst seit 1960 wieder restauriert. Heute füllt sie die ganze
Reisetagebuch 4 Puumala (Finnland), 18. Juli 1996

Insel aus, die Räume können angemietet werden, z.B. für Hochzeiten, Kongresse oder das gerade
stattfindende Opernfestival von Savonlinna.
Die Sonne, die sich inzwischen durch die Wolken gekämpft hat, zaubert kräftige Farben und dunkle
Schatten, nach der Besichtigung streune ich noch durch den angrenzenden Park, gönne mir ein Eis
uns genieße den ersten sonnigen, warmen Tag seit langer Zeit.
Schon am nächsten Tag ist das miese Wetter zurückgekehrt. Einzelne Regenschauern fallen aus
dunklen Wolken und das Quecksilber klettert gerade mal an die 15 Grad. Ich verkrieche mich in
mein Schneckenhaus und studiere schon mal die übernächsten Reiseziele: Türkei, Syrien, Jordanien.
Wenn ich doch nur schon dort wäre!
Nicht sehr in Eile, weil ich noch massig Zeit habe, bis ich nach Russland einreisen kann, breche ich
doch wieder auf und rolle gemächlich durch die abwechslungsreiche Seenlandschaft Mittelfinnlands.
Manchmal bin ich mir gar nicht sicher, auf einer Landstraße zu fahren. Links und rechts reicht das
Wasser bis wenige Meter an die Fahrbahn, das Ganze schaut doch mehr nach einer Wasserstraße
aus!
Kurz hinter Puumala entdecke ich diesen recht brauchbaren Standplatz am Ufer des Saimaajärvi
mit Blick auf -zig kleine Inselchen und meinem eigenen privaten Sandstrand. Drei Tage lang lasse
ich den lieben Gott einen guten Mann sein, mache eine kurze Radtour, faulenze und lese in „der
kurzen Geschichte der Zeit“, einem Buch von Stephan W. Hawking, dem gelähmten amerikanischen
Physikgenie, das mich immer wieder von neuem fasziniert.
Die rechte Urlaubsstimmung will trotz allem nicht aufkommen. Liegt es am triesten Wetter, dass ich
zu nichts Lust habe? Liegt es am fehlenden (positiven) Stress? Liegt es daran, dass ich seit meiner
Abreise kein „richtiges“ Abenteuer erleben konnte, obwohl ich schon fast 7000 km unterwegs bin?
Oder sollte es an der fehlenden Ansprache liegen, dass alle Tage irgendwie gleich aussehen?
Jedenfalls bin ich ziemlich genervt!
Nach einem guten Frühstück geht’s dann am Samstag halbherzig weiter Richtung Helsinki, doch
Sturm und peitschender Regen machen einen Strich durch meine Rechnung. Zwei Mal bläst mich
der Sturm fast von der regennassen Straße, nur mit schnellem Gegenlenken kann ich den Sandfloh
auf Kurs halten. Ich habe keine Lust mehr, die regennasse und sturmgepeitschte, monotone und viel
befahrene Straße von Kouvola nach Helsinki abzureiten um am Schluss vielleicht doch noch
irgendwo im Straßengraben zu landen! Also lege ich an einer Raststätte Pause ein, warte bis sich
zumindest der Sturm ein wenig gelegt hat. Nach 2 Tassen Kaffee und einem halben Buch pfeift es
draußen noch immer so ungemütlich, dass man keinen Hund vor die Tür schicken möchte. Nur der
Regen hat etwas nachgelassen. Also rolle ich doch noch ein paar Kilometer weiter. Südwärts, nach
Porvoo/Borga und finde nach langer Sucherei einen netten Platz am Ende einer dicht bewaldeten
Halbinsel. Der Platz ist ruhig, sturmgeschützt und sauber, doch für eine Nacht hätte es dafür den
Umweg von 20 km (einfach) nicht gebraucht! Früh am andern Morgen nehme ich die restlichen 50
km bis Helsinki in Angriff und rolle gegen Mittag in die sonntäglich ruhige Stadt ein.
Doch wo findet man in einer Hauptstadt mit einer halben Million Einwohnern einen ruhigen,
sicheren, aber doch halbwegs zentralen Standplatz für die Stadterkundung? Wie schon so oft,
erweist sich der Friedhof als prima Adresse. Nicht auf dem Friedhof, sondern auf dem zugehörigen
Parkplatz. In Helsinki liegt der natürlich auch am Wasser, sehr ruhig, am Rande eines grünen Parks
mit Bänken und netten Wanderwegen, auf denen sich allabendlich Hunderte Jogger und -innen
trimmen. Bis zur City und zur deutschen Botschaft, bei der ich morgen meinen Pass abholen muss,
ist es von hier auch nicht weit.
Bei recht durchwachsenem, stürmischem Wetter schwinge ich mich gleich noch in den Sattel und
erkunde die neue Stadt erst ‘mal mit dem Fahrrad. Kein leichtes Unterfangen, da die Radwege nie
parallel zu den Straßen verlaufen, meist durch Parks oder am Ufer entlang führen, und natürlich in
keiner meiner Straßenkarten vermerkt sind. Doch nach einer ausgiebigen Rundtour (auf der ich
mich nur zwei Mal verfranst habe) habe ich das Wichtigste gesehen, kann mich halbwegs orientieren
und weiß, wo die deutsche Botschaft liegt – sehr idyllisch nämlich auf einer der Hunderten von
Schären mit Blick aufs blaue Meer und tausend kleine Inselchen.
Reisetagebuch 4 Puumala (Finnland), 18. Juli 1996

Pünktlich am nächsten Morgen strahlt die aufgehende Sonne durchs Fenster und macht’s das
„frühe“ Aufstehen zur Wonne. Nach Duschen – ich bin ja wieder in der ‘Zivilisation’ – und
ausgiebigem Frühstück stehe ich kurz nach Toreöffnung in der Botschaft und nehme den Brief von
Vati mit Pass, Rumänien- und Bulgarien-Visa in Empfang. Viel mehr aber freue ich mich über einen
unerwarteten Brief von Ellen, in dem sie mir schreibt, welch tiefen Eindruck ich bei ihr und bei
Anna hinterlasssen habe. Und in dem sie versucht, mir ins Gewissen zu reden, was Goy und meine
Freundschaft mit ihr betrifft und dass wir doch heiraten sollten, wenn wir uns doch sooo sehr lieben.
Sollte ich da in meinem Büchlein etwas übertrieben haben? Jedenfalls bin ich den ganzen Tag
happy, unerwartet derart nette Post bekommen zu haben.
Die anderen Dinge in der Stadt sind dann schnell erledigt: Geldwechseln (schon wieder 2000 FMK
(666 DM) verbraucht!), Filme zum Entwickeln geben (28 FMK/Stck), Landkarte über Nordrussland
und Stadtplan für St.Petersburg (beide mit kyrillischen Namen), Stern und Spiegel, um wieder ‘was
aktuelles zu Lesen zu haben. Schon wieder ist der Geldbeutel halb leer.
Der Nachmittag ist der Erkundung der Stadt zu Fuß gewidmet, oder besser der fotografischen
Dokumentation dessen, was ich gestern per Rad entdeckt habe. Eine sehr effiziente Methode
übrigens, eine unbekannte Stadt kennen zu lernen. Wenn auch nicht halb so einprägsam als wenn
man alles zu Fuß erkundet, dabei sind die Eindrücke doch erheblich tiefer und einprägsamer! Aber
die Kombination Fahrrad – Fußgänger ist ideal: ich kann in den Außenbezirken parken (und
schlafen), mit dem Bike in die City fahren und diese dann zu Fuß erkunden. Mal sehen, wie das in
ein paar Tagen in St. Petersburg läuft?
Doch Helsinki ist nach wie vor vom Wasser aus am schönsten. Darum gönne ich mir anderntags
noch eine Schärenrundfahrt (FMK 60.- für eineinhalb Stunden), bevor ich weiter durch die Stadt
trolle, immer mit der Kamera bewaffnet. Immerhin vier Filme fülle ich allein in Helsinki; nicht etwa,
dass es so viel zu sehen gibt, aber ich bin ziemlich verschwenderisch mit Fotos und „knipse“ auch ab
und an, ohne zu wissen, ob es die beste Ansicht z.B. einer Kirche ist. Doch ich muss das schnell
wechselnde Wetter nutzen und versuchen, möglichst gleichartige Beleuchtungsaspekte einer
Sehenswürdigkeit zusammen zu bekommen.
Zu sehen gibt es Recht viel, ohne dass wirklich etwas Atemberaubendes dabei ist. Außer den
riesigen, leuchtend weißen Kreuzfahrtschiffen aus aller Herren Länder und den Fähren der Vikingund
Silja-Line, die im Innenhafen liegen und die umliegenden Wohnhäuser gleich um viele, viele
Stockwerke überragen. Diese schwimmenden Städte für 1000 und mehr Passagiere imponieren
schlicht durch ihre Größe, verströmen aber gleichzeitig auch den Duft der großen weiten Welt, wenn
man da Heimathäfen wie Nassau oder Monrovia liest. Wer da kein Fernweh bekommt …
Den Rest von Helsinki findet ihr recht gut und prägnant beschrieben im Finnland-Führer von
Polyglott (S.34 bis S.43). Mein Eindruck ist der einer modernen Stadt, in der alles funktioniert und
in der alles seinen (hohen) Preis hat und in der die Menschen geschäftstüchtig, aber cool sind – wie
das Wetter.
Nach dem Check der Finanzen bleibt die Gewissheit, dass Geld nie so lange reicht, wie vorhergesagt
und ich noch mal zum Wechseln gehen muss, um wenigstens voll tanken zu können. Schließlich
gönne ich mir noch einen 10-er Pack neuer Filme, da ich mit der Originalausstattung von 35 Filmen
nicht ‘mal bis Jordanien reichen würde, wenn ich weiter so „schießwütig“ bin. Doch hier oben gab es
auch eine ganze Menge zu sehen, vor allem Landschaft! Jede Menge Landschaft! Aber wenig
Abenteuer. Will ich die Eindrücke Skandinaviens zusammenfassen, möchte ich sagen:
WENIG ABENTEUER FÜR RECHT VIEL GELD.

Nachdem ich Helsinki also quasi„abgehakt“ habe, bleibt mir immer noch eine halbe Woche Zeit, bis
ich nach Russland „darf“. Ein Abstecher ins Glasmuseum von Riihimäki ist eher enttäuschend und
ich rolle noch am gleichen Tag weiter über gute Straßen nach Kuovola und Mikkeli, um an meinem
altbekannten Platz bei Puumala die restlichen Tage abzusitzen, bis ich endlich nach Russland
einreisen darf. Hätte ich gewusst, wie problemlos die Grenze zu Russland ist, hätte ich mir diese
nervtötende Warterei sparen können.

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