Terskol (Russland)

Beeindruckende Berge im Kaukasus

So, nachdem der Rechner nun komplett den Geist (Akku) aufgegeben hat, bricht meine ganze computergestützte Schreiberei und Buchhaltung zusammen. Wie gut, dass es noch das gute alte Papier gibt. Doch damit ist das Schreiben anstrengend. So werden meine künftigen Berichte wohl etwas knapper und kürzer ausfallen müssen.

Der letzte Eintrag im Rechner stammt noch von Moskau und seither hat sich wieder einiges ereignet. Wenig Interessantes, aber doch Aufregendes.

Problemlos rolle ich damals aus Moskau hinaus – die Prachtstraßen sind gut ausgebaut, nur die Baustelle am südlichen Autobahnring kostet wieder viel Zeit. Mit Glück und mit Hilfe eines kleinen Schildchens finde ich doch die richtige Ausfahrt, die mich über die autobahnähnliche M2 weiter nach Süden bringt. Kurz darauf findet sich dann auch eine Tankstelle mit Diesel, ich kann aufbunkern (210 l für 75 DM) und guten Mutes weiter rollen. Die Autobahn wird schmäler und bei Tula zur Landstraße, Zeit, zur M4 hinüber zu wechseln, die etwas weiter östlich nach Voronez und Rostov-na-Donu führt. Die 20 km Querverbindung sind wieder gut u fahren, nur durch Tula hindurch reiht sich ein Schlagloch an das andere.

Auch die M4 ist passabel zu fahren, führt durch leicht welliges Gelände, in dem Getreide und Sonnenblumen angebaut werden. Es herrscht reger Reiseverkehr, fast jeder Lada hat seinen Anhänger dabei. Wollen die etwa alle ans schwarze Meer zum Baden? Kurz vor Jevremov finde ich einen wirklich netten, abgelegenen Platz an einem kleinen Fluss. Obwohl ich ziemlich schräg stehe, lege ich einen Tag Pause ein, in erster Linie, um Tagebuch zu schreiben und den Floh von seinem größten Schmutz zu befreien.

Ein paar Hundert Meter flussabwärts entdecke ich eine Kolonie Fischreiher (22 Stück), die aber viel zu scheu sind, um sich formatfüllend fotografieren zu lassen. Tags darauf geht es geruhsam weiter über weiterhin passable Straßen nach Voronez, um wiederum nach Osten abzubiegen, um auf der M6 nach Wolgograd zu rollen. Die Gegend wird eintöniger, die Felder immer größer. Bemerkenswert sind die drei bis vier Reihen Bäume, die in regelmäßigen Abständen die schier endlosen Felder unterteilen und sowohl seltenen Vögeln als auch dem Sandfloh Schutz und Deckung für die Nacht bieten.

Kaum biege ich bei Borisoglebsk auf die M6 ein, da schüttelt es mich schon wieder durch bis auf die Knochen. Und das soll so bleiben, bis ich hinter Wolgograd wieder auf eine schmale Nebenstraße abzweigen kann. Der Straßenbelag besteht aus alten Betonplatten, die sich im Lauf der Jahrzehnte gehörig verworfen haben und bei jeder Querrinne geht ein nerviges Schütteln durch den armen Sandfloh. Obwohl ich nur mit 50 bis 60 km/h fahre, übersehe ich drei dieser „Quergebirge“, die zwischen zwei Betonplatten 10 – 15 cm herausragen und die Federung brutal durchschlagen lassen. Keine Chance, diese Fallen rechtzeitig zu erkennen und kaum eine Chance, rechtzeitig zu bremsen. Außer man kriecht mit 30 – 40 km/h durch die trostlose Einöde. Wie stecken die voll geladenen Pkws das nur alles weg?

Völlig durchgeschüttelt erreiche ich am Sonntag früh Wolgograd, besser bekannt unter dem Namen Stalingrad und der Inbegriff erbitterter Schlachten im Zweiten Weltkrieg. Über 75 km zieht es sich am Wolgaufer dahin, ein kurzer Kanal verbindet wenig oberhalb der Stadt die Flüsse Wolga und Don. Die Stadt selbst ist gespickt mit Industrie (Erdöl etc.), Gestank und miesen Straßen.

Doch mich zieht es ins Museum, das an die erbitterte und für beide Seiten verlustreiche Schlacht im Zweiten Weltkrieg erinnern soll. Neben der üblichen Sammlung von Gewehren, Geschützen, Uniformen etc. hat sich wohl eine ganze Generation von Malern an einem riesigen Diorama, einem mehrere Dutzend Meter langen Rundumbild verewigt, das in anschaulichen Szenen die Situation auf den Schlachtfeldern rings um die Stadt zeigt. Obwohl es als Symbol der Völkerverständigung gedacht war, findet man ausschließlich Dokumente über die Rote Armee und ihre ruhmreichen Helden. Die Deutschen sind überall die bösen Angreifer und selbstverständlich die haushohen Verlierer.

Etwas enttäuscht und befremdet über diese Einseitigkeit rolle ich nachdenklich aus der Stadt hinaus, vorbei an einer immens stinkenden Raffinerie und einem qualmenden Etwas (entweder eine stinkende Müllhalde oder ein Teil der Raffinerie – es stinkt wirklich entsetzlich!) und finde anstandslos die Querverbindung nach Elista, die mir Dreihundert Kilometer Umweg über Astrachan am Kaspischen Meer erspart.

Auch diese Straße ist gut zu fahren, ich komme flott vorwärts. Bemerkenswert ist hier im Süden von Wolgograd die große Anzahl von schlitzäugigen Menschen, die ganz offensichtlich weit aus dem Osten der früheren UdSSR kommen und deren Frauen mich herzlich an Goy, meine frühere thailändische Freundin erinnern. Es sind Menschen, die auch lächeln können und offener sind als die verschlossenen (verstockten?) Originalrussen. Vom ersten Moment an habe ich sie ins Herz geschlossen und an jeder GAY-Station entspinnt sich ein herzliches Geplauder über das Woher und Wohin.

Mit den Russen, noch dazu mit den verschlossenen und offiziellen, bekomme ich es siebzig Kilometer hinter Elista zu tun, als die Straße durch die strategisch wichtige Manytsch-Niederung führt. Für die Russen stellt diese Region wohl die Grenze zwischen ihrem Kernland und den „Unruheprovinzen“ im Süden bildet. Jedenfalls wird man innerhalb von fünf Kilometern drei Mal kontrolliert! Führerschein und Kraftfahrzeugpapiere. Kraftfahrzeugpapiere und Führerschein. Und der letzte Posten will dann auch noch meinen Pass mit dem Visum sehen. Das war ja noch nie da! Wohl wissend, dass ich mich weit abseits der eingetragenen Route zwischen Moskau und St. Petersburg befinde, gebe ich das Visum nur zögerlich heraus.

Prompt gefällt dem Postenchef gar nicht, was er da sieht. Er telefoniert mit seinem Chef – der ist gerade zu Mittag, ich muss bis 2 Uhr warten. Dann bis 3 Uhr. Dann noch 2 Telefonate zum obersten Chef nach Moskau und schon ist aus dem braven Touristen ein verdächtiger Spion geworden. Was ich in Stavropol will und warum ich hier langfahre. Ohne Visum! Ich kann mich nicht verständlich machen, also werde ich vorsorglich verhaftet und mit einer bewaffneten Eskorte ins Hauptquartier gebracht.

Das Hauptquartier liegt zwanzig Kilometer weiter in Divnoje und ich bemerke, mit welcher Genugtuung der Gendarm die schwere Eisentür hinter mir schließt, als wir das Hauptquartier der Miliz betreten haben. „Da kommst du so schnell nicht wieder heraus!“ scheint er zu sagen, Gott sei Dank kann ich ihn nicht verstehen. Eigentümlicher Weise bin ich total cool. Nicht einmal mein Herz schlägt schneller als üblich. Ist es, weil ich mir (fast) keiner Schuld bewusst bin – oder weil ich die Verhältnisse in Russland (noch) nicht kenne? Jedenfalls werde ich bei einer Dame mittleren Alters abgeliefert und zehn Minuten später stößt ein Dolmetscher zu uns, um das Verhör zu übersetzen.

Doch Juri, der Dorfschullehrer und nun Dolmetscher ist ein weltoffener Mensch. Er hilft mir, aus der verfahrenen Situation herauszukommen, so gut er kann. Von da an geht’s wieder aufwärts.

Der mittelalterlichen, streng dreinblickenden Dame und zwei hoch dekorierten Uniformierten – offensichtlich Ihre Chefs – erzähle ich die Geschichte von der russischen Botschaft in Bonn und deren Hinweis „Russland ist ein freies Land“. Juri übersetzt alles ins Russische. Drei oder vier Mal fragen sie mich das Gleiche noch einmal, warum ich in Stavropol bin und warum ich kein Visum habe. Juri übersetzt wieder ins Deutsche. So geht es endlos hin und her. Vielleicht zwei Stunden lang ohne dass sich eine Lösung abzeichnet. Plötzlich schaut Juri auf die Uhr und redet ein paar unverständliche Sätze mit den Offizieren.

Eine halbe Stunde später, der Nachmittag neigt sich schon dem Ende zu, übersetzt mir Juri, dass ich ein langes Protokoll mit Warum und Wohin unterschreiben soll. Na ja, wenn‘s weiter nichts ist. Schnell mache ich meinen Servus unter das Formular in dreifacher Ausfertigung, das Juri penibel übersetzt hat. „Gaspadin Klaus-Peter … hat sich unglücklicherweise in Moskau verfahren und ist so unwissentlich nach Stavropol gefahren anstatt nach St. Petersburg. Es tut ihm sehr Leid.“

Nur mühsam kann ich mir ein lautstarkes Lachen verkneifen, denn die Ausrede ist doch zu sehr an den Haaren herbei gezogen! Doch wenn ich dafür meinen Pass wieder bekomme, soll es mir Recht sein!

Uneins sind sich die hohen Herren allerdings darüber, was man mit dem „verirrten Touristen“ unternehmen soll. Weiterfahren soll er nicht, aber zurück nach Moskau darf er auch nicht! Nach langem Hin und Her soll ich nun doch weiterfahren und mein Problem in der Zentrale in Stavropol lösen. Man gibt mir noch einen Handzettel mit, der den Stavropoler Kollegen die Situation schildert – und lässt mich ziehen.

Inzwischen ist es 18:00 Uhr und endlich Feierabend. Da ich aber noch eine Kopie meiner „Geständnisse“ haben will, muss ich am nächsten Morgen wiederkommen. Die Nacht wird zum Albtraum, da ich wohl oder übel am Ortsausgang neben der GAY-Station parken muss, wo sich nach Einbruch der Dämmerung zwei Dutzend laute, stinkende Lkws mit grölenden Fahrern in Sicherheit bringen.

Am andern Morgen bekomme ich anstandslos meine Kopien und rolle nur halb ausgeschlafen gen Stavropol. Die weiteren Posten wollen dann aber weder mein Visum noch eine Sondergenehmigung noch meinen verräterischen Handzettel sehen, also schlage ich schließlich einen großen Bogen um diese „besondere“ Stadt Stavropol, von der ich bis heute nicht weiß, was so Besonders an ihr ist., dass man um das Visum eines deutschen Globetrotters ein solches Aufsehen macht. Noch einmal scheine ich mit einem blauen Auge davongekommen zu sein. Doch noch ist das Abenteuer nicht vollends ausgestanden! Nächste Woche muss ich ja noch einmal durch diese Region fahren, um nach Westen zum Schwarzen Meer zu kommen! Wehe, wenn sie mich dann erwischen!

Weiterhin werde ich auch bei meinem Weg in den Kaukasus bei jeder GAY-Station angehalten. Mein Herz schlägt regelmäßig vor Aufregung bis zum Hals. Doch Alle geben sich mit Führerschein und Fahrzeugschein zufrieden. Keiner will meinen Pass sehen. Durch die kalte Küche rolle ich schließlich am letzten Posten vorbei in die Baksan-Schlucht ein, an dessen südlichem Ende der 5633 m hohe Mt. Elbrus das eigentliche Ziel meines Russland-Abenteuers ist.

Doch kaum komme ich auch nur halbwegs in seine Nähe, da hüllt er sich in finstere Wolken. Gestern regnet es den ganzen Nachmittag in Strömen und auch heute hängen die Wolken kurz über dem Talgrund. An einen Gipfelsturm ist bei solchem Wetter nicht zu denken!

Ich hoffe darauf, dass ich zumindest einen Blick auf diesen markanten Doppelgipfel werfen kann. Auf den höchsten Berg Europas, der den Mont Blanc ja noch um gute sechshundert Meter überragt.

Vielleicht kann ich auch einmal dort oben stehen, dort auf dem höchsten Gipfel.

Und ich hoffe darauf, dieses Land ungeschoren verlassen zu können. – Drückt mir die Daumen.

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